Die Zeitreise ins 18. Jahrhundert

Webstuhl

Eine weiße Stahltüre in einem Palazzo, verborgen in einer kleinen Gasse im Stadtteil Santa Croce in Venedig, ist das Tor zu einer früheren Zeit.

Diese Türe… man hört seltsame Laute dahinter… Menschen reden…

Alleine mein siebenjähriger Sohn wagt es, sie zu öffnen. Dahinter sehen wir raumhohe Stapel alter Lochkarten, leicht angestaubt. Zögernd strecken wir unsere Köpfe um die Ecke, dann zieht es uns förmlich in den Raum. Vor uns, auf wackligem Holzboden, sehen wir Webstühle aus einer anderen Zeit. Mystisch beleuchtet von Glühbirnen an dünnen Kabeln, die sich durch die Holzkonstruktionen der Webstühle schlängeln.

Langsam gewöhnen sich unsere Augen an das Dämmerlicht. Regale voller feinster Seide in allen Farben zu Zöpfen gewunden, kleine Holzspulen und alte Werkzeuge, Steine an Seilen, die als Gewichte dienen, edelste, wunderbarste Stoffe und mehr als 20 historische Webstühle präsentieren ein Gesamtbild, das uns den Atem verschlägt: Hier werden Stoffe von Hand gewoben, wie noch vor 300 Jahren. Nur die Kinder, die früher oben auf den Webstühlen arbeiteten, wurden im vorletzten Jahrhundert durch die modernen Lochkarten ersetzt.

Zwei Frauen arbeiten. Das rythmische Schlagen, wenn die Schussfäden von Hand durch den Webstuhl geschossen und anschließend schwungvoll angedrückt werden, lässt den Boden erzittern. Hunderte von Kettfäden ergeben ein Gespinst, in dem sich das Licht fängt. Gerade einmal 40 Zentimeter schafft eine Weberin an einem guten Tag.

Wir fragen vorsichtig nach dem Patrone und bekommen tatsächlich eine »Audienz«. Ein ehrwürdiger Herr mit silbernem Haar empfängt uns. Es ist der Presidente persönlich, einer der direkten Nachkommen des Firmengründers. Er klärt uns auf, dass wir uns in den historischen Produktionsräumen der Weberei Luigi Bevilacqua befinden, einer der letzten ihrer Art in Venedig und der Welt. Unzählige Stoffmuster werden hier seit der Gründung im Jahr 1700 produziert. Stoffe, die mehrere tausend Euro pro Laufmeter kosten können – bei einer Breite von gerade einmal 60 Zentimetern.

Der Patrone geleitet uns in den Showroom. Auch hier steht die Zeit still. Bahnen von edelsten Stoffen hängen von der Decke und hüllen den Raum in ein üppiges Kleid. Kissen türmen sich auf Sofas und Stühlen, Handtäschchen und Taschen warten auf die gut betuchte Besucherin. Vergilbte Modezeitschriften präsentieren Laufstegschönheiten vergangener Jahrzehnte – auch in der Haute Couture verwenden die größten Designer die Stoffe immer wieder für ihre Kreationen. Das Oval Office, der Kreml, das Königshaus in Schweden – um nur einige zu nennen – wurden üppig von Luigi Bevilacqua ausgestattet.

Die Eingangstüre geht, wen wundert’s?, direkt auf den Canal Grande – die elegante Kundschaft legt selbstverständlich mit dem Boot an.

Eine Zeitreise in die Abgeschiedenheit des 18. Jahrhunderts, fernab vom Trubel des Carnevale di Venezia, bei dem sich gerade tausende von Touristen in den Gassen und auf den Plätzen tummeln.

Reisejahr: Februar 2014

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