Endlich in Irland und ein Moment, der meine Sicht auf alles veränderte

Killarney (82)

(Ja, mir ist klar dass Irland nicht so interessant und anders klingt als Afrika oder Südostasien. Aber auch in der Nähe liegt Reiz und Irland ist erlebenswert!)

Auf Kommentare wie “Da regnet es doch immer” oder “In Irland ist es meistens eh total kalt und alle haben rote Haare” gehe ich mittlerweile überhaupt nicht mehr ein. Menschen, die wegen des schönen Wetters reisen sind mir zum einen suspekt und zum anderen hat Irland in meinem Herz einen unerschütterlichen Platz seit meinem ersten Aufenthalt dort in 2012. Mein kleiner Reisebericht umfasst 2 Monate in Irland, vom 1. Mal komplett ins Ungewisse reisen, vom 1. Mal für Unterkunft arbeiten und vielen weiteren neuen Erfahrungen.

Ich hatte mein Studium abgebrochen, danach erst mal 6 Monate im Familienbetrieb gearbeitet und fühlte mich, als stünde ich kurz vorm Burn-Out. Klingt ziemlich lächerlich oder? Schließlich war ich gerade mal 20 und fit, aber mich zerfraß die Unsicherheit, was ich nun mit meinem Leben anfangen würde. Ziemlich spontan beschloss ich dann, dass ich eine Auszeit brauchte und buchte einen Flug nach Irland für Mitte Oktober. Ich hatte genug Geld gespart um einige Monate zu reisen und keinerlei konkrete Vorstellungen, wann ich wieder nach Deutschland kommen würde. Für mich standen nur zwei Dinge fest: Es geht endlich nach Irland und setzte die Heimreise wird erst angetreten, sobald ich Vorstellungen für meine berufliche Zukunft habe. Um praktische Erahrungen zu sammeln und um die Reisekosten gering zu halten, organisierte ich mir einen Volunteerjob in einem Hostel in Ennis, Co. Clare – übrigens über www.helpx.net. Ennis ist eine kleine Stadt im Westen Irlands und besitzt gefühlt mehr Pubs als Einwohner. Da ich in der Nebensaison dort war, hatte ich viel Kontakt zu Einheimischen und weniger zu Touristen. 6 Wochen habe ich im Hostel in Ennis gearbeitet und anschließend bin ich 2 Wochen kreuz und quer durch Irland gereist. In meinen 2 Monaten in Irland habe ich sowohl etwas vom Leben in einer typischen irischen Kleinstadt erlebt, als auch auf dem abschließenden Roundtrip viele Ecken dieses wundervollen Landes gesehen. Ich habe mit einem Pint Guinness mit älteren Herren angestoßen, die alle Paddy hießen und die ich dank ihren Dialekten quasi nie verstand. Ich habe Gastfreundschaft gespürt wie noch nie zuvor – oft bin ich allein in einen Pub (man kann der/das Pub sagen) gegangen und kannte nach 10 Minuten die Belegschaft und die Hälfte der Gäste. Ich lernte, dass ein Pub ein Wohnzimmer für Iren ist und die Live Band, die wundervolle traditionelle Musik spielt, somit dem Radio entspricht. Ich kann bestätigen, dass es im irischen Winter viel regnet und die Bevölkerung tatsächlich ein klein wenig durchdreht, wenn es im Sommer ein paar Wochen lang ungewohnt warm ist. Ich habe die raue, unbezwingliche Schönheit der Natur bestaunt und stand oft nur stumm und kopfschüttelnd da, weil mein Gehirn die Vollkommenheit des Moments nicht in Worte umwandeln konnte.


Mein ganz besonderer Moment handelt von einem Tag im November an dem ich frei hatte und fuhr mit dem Bus nach Lahinch, ein bezauberndes Städtchen mit wunderschönem Strand. Der Plan hatte nur zwei Tücken: 1) der Bus würde erst in 3 Stunden wieder zurück nach Ennis fahren und 2) es regnete in Strömen. Ich ging ein wenig spazieren und betrachtete das Meer, in das sich auch bei dem Wetter einige Surfer stürzten. Anschließend vertieb ich mir die Zeit mit einem Besuch im Aquarium und dann setzte ich mich in einen schnuckeligen kleinen Pub in Strandnähe. Etwas missmutig realisierte ich, dass ich noch 2 Stunden auf den Bus würde warten müssen. Das Städtchen war ziemlich menschenleer, ebenso die Kneipe in dem ich mich befand. Trotzdem fingen relativ bald einige Musiker an zu spielen und ich beschloss mir einfach alleine ein leckeres Menü zu gönnen. Nach und nach kamen mehr Menschen herein, angezogen von der Musik und es setzten sich Einheimische zu mir an den Tisch. Eine Familie verwickelte mich in ein Gespräch und alle fragten mich über meine Zeit in Irland aus und was ich denn in Lahinch ganz allein tun würde. Ich genoss mein Essen und das ausgegebene Pint, lachte Tränen, erfuhr irische Geschichten aus erster Hand, wippte im Takt der Musik und dann spielte das Trio etwas ganz besonderes.

“Well, I took a stroll on the old long walk
Of a day -I-ay-I-ay
I met a little girl and we stopped to talk
Of a fine soft day -I-ay-I-ay
And I ask you, friend, what’s a fella to do
‘Cause her hair was black and her eyes were blue”

Für die, die das Lied nicht erkennen – es handelt sich um “Galway Girl”, das viele vielleicht zum ersten Mal im Film P.S. Ich liebe dich gehört haben, der teils in Irland spielt. Dieser Song ist ein irisches Volkslied, das wirklich jeder in diesem Land kennt. Bevor ich zu dieser Reise aufgebrochen war, hatte ich schon jahrelang von Irland geträumt. Woher diese Begeisterung genau kam weiß ich gar nicht mehr, aber mein Herz zog mich dorthin seit ich ein Kind war und dieses Lied “Galway Girl” verband ich schon lang damit.
Und dann saß ich in Lahinch in einem urigen Pub im Land meiner Träume, umringt von neuen einheimischen Bekanntschaften, die mich bereits im Arm hatten und mit mir gemeinsam den Songtext mitsangen. Das war ein (Reise-)Moment absolut vollkommenen Glücks. Ich fühlte mich angekommen und pudelwohl und genoss so bewusst wie noch nie jede Sekunde. Zu realisieren, dass ein Traum in Erfüllung gegangen ist, ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl und das tolle ist – wir haben es alle selbst in der Hand!

Abschließend möchte ich ein paar Punkte festhalten, die mir klar wurden auf dieser Reise und vielleicht anderen in ähnlichen Situationen helfen.

1) In der Ferne liegt die Weisheit! Wenn ich auf Reisen bin und aus meinem gewohnten Umfeld draußen, kann ich die Dinge mit gesundem Abstand betrachten und es fällt mir sehr viel leichter Entscheidungen zu fällen. Wenn du also ratlos bist und hin- und herüberlegst, brich einfach mal aus aus deinem Alltag und mach dir allein oder im Austausch mit Fremden Gedanken über das Thema, das dich beschäftigt. Das muss keine Weltreise sein – auch ein Ausflug an ein neues Ziel kann helfen!

2) Sei dankbar für jedes Erlebnis und jede neue Erfahrung und genieße jeden Moment. Auf Reisen kann so viel schief gehen und nicht selten muss man sich über den verpassten Bus oder den unverschämten Taxifahrer ärgern, der einen nur abzockt. Nimm dir eine Minute und mach dir bewusst, dass du reist und Dinge erlebst, die du immer gewünscht hast. Natürlich sollte man diesen Gedanken auf das ganze Leben anwenden, es unterwegs zu tun ist aber ein toller Start.

3) Trau dich allein in die weite Welt zu gehen! Klar, auch mit Freunden unterwegs sein macht Spaß, aber du wirst niemals ähnlich neue Erfahrungen machen wie beim alleine Reisen. Tu es einfach, sei offen für die Welt und Menschen, die du triffst und genieß es völlig unabhängig zu sein. Man lernt so viel über sich selbst und bringt sich in völlig ungewohnte Situationen, an deren Meisterung man über sich hinaus wächst!

P.s. In Irland war ich jedes Jahr seit meinem 1. Aufenthalt dort – den Platz in meinem Herzen wird diesem Land niemals jemand streitig machen können!

Reisejahr: Frühling 2012

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