Ohne Wagnis kein Gewinn – ein Ritt ins Ungewisse

kam5

Abfahrt von der Insel Phu Quoc

Wieder einmal kommt die Zeit des Abschieds. Unsere Weiterreise führt uns nach Phnom Penh, der Hauptstadt von Kambodscha. Von dort geht in 2 Tagen der Flieger nach Bangkok. Wir fahren mit dem Expressboot zur kleinen Hafenstadt Ha Tien. Von dort wollen wir per Bus in das 4 Stunden entfernte Chao Doc, um die Grenze nach Kambodscha zu überschreiten. Der nächstgelegene Übergang, an dem man direkt ein Visum für Kambodscha bekommen kann. Ab Chao Doc fährt dann ein Boot auf dem Mekong nach Phnom Penh. Hört sich doch gut an!? Aber es kommt ganz anders.

Ankunft in Ha Tien

Schon der Taxifahrer, der uns zur Fähre bringt offeriert uns ein Angebot, welches wie er findet nicht auszuschlagen sei. Er informiert einen Freund in Ha Tien über unsere Ankunft, der uns zum 8 km entfernten Grenzübergang Prek Chak bringen wird. Das sei günstig und schnell. Er versichert uns dass wir garantiert ein Visum bekommen. Die Zweifel sind groß. Bisher hatten wir von niemandem gehört oder gelesen das dies möglich sei. Auf der Fähre lernen wir Christof kennen. Er hat das gleiche Ziel. So beschließen wir, gemeinsam weiter zu reisen.

Gleich beim Verlassen der Fähre stürzen sich unzählige Mopedtaxifahrer auf uns. Wie Beeren formen sie eine große Traube und scheinen unsichtbar mit uns verbunden. Das ist sehr beklemmend. Alle wollen uns zur nahen Grenzstation bringen. Der besagte Freund ist natürlich auch dabei. Er fragt uns ruhig, aber bestimmt, ob wir die angekündigten Deutschen seien. Wir schütteln den Kopf und wollen nur noch fort aus diesem Gedränge.

Denn noch immer erscheint uns die Sache mit der Visa-Möglichkeit prekär. Außerdem haben wir schier keine Ahnung wie es in Kambodscha weitergehen soll. Die Traube bleibt uns auf den Fersen. Unaufhörlich redet sie auf uns ein. Es ist kaum möglich, einen klaren Gedanken zu fassen. Zunächst wollen wir die Busstation nach Chao Doc ausfindig machen. Also versuchen wir die Taxifahrer mit einem ständigen “No thank you” abzuwimmeln. Was sich allerdings als unmöglich erweist. 4 oder 5 von ihnen bleiben unerbittlich. Fahren mit den Mopeds weiter neben uns her, biegen kurz ab, so das wir glauben, nun sind sie fort, um kurz darauf wieder aufzutauchen. Und am Ende erweist sich ihre Standhaftigkeit zu ihrem Vorteil.

Die Zeit läuft uns davon. Es ist 16.00 Uhr. Kein Bus mehr in Aussicht und der morgige würde nicht rechtzeitig in Chao Doc zur Bootsabfahrt nach Phnom Penh ankommen. Das wiederum hätte Folgen. Wir würden den Flug nach Bangkok verpassen und auch den Anschlussflug nach Phuket. Das schon gebuchte Hotelzimmer stünde leer und das Rückflugticket nach Bangkok wäre wertlos. Denn ob wir unter den Umständen noch nach Phuket reisen ist unklar. Kurzum es würde unsere Reisepläne komplett durcheinanderbringen.

Zum Chaos im Kopf kommt die Aussage um 17.00 Uhr schließe die nahe Grenzstation – was also tun?

Uns bleibt keine Alternative als die Ungewissheit. Wir müssen dem “Freund” vertrauen. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins beschleicht uns. Er versichert uns mehrmals, alles gehe mit rechten Dingen zu. Er wird uns sogar bis in das über 50 km entfernte Städtchen Kep in Kambodscha bringen. Von dort wird am nächsten Morgen für 5 $ ein richtiger Bus nach Phnom Penh fahren. Mit einem eindringlichen Blick beschwört er uns: ”Glaubt mir, ich sage die Wahrheit. Wenn nicht braucht ihr nicht zu bezahlen.”

Wir sehen uns an und realisieren, dies ist unsere einzige Chance pünktlich in Phnom Penh anzukommen. Auch die Ahnung was uns jetzt bevorsteht macht uns nicht entspannter. Ein 57 km-Ritt auf dem Rücksitz eines vietnamesischen Mopeds mitten in Kambodscha, ohne zu wissen ob wir, samt Visa und Gepäck wirklich in Kep ankommen werden. Abenteuer pur.

Das Durchhalten der Mopedtaxis hat sich gelohnt – sie haben eine Fuhre Touristen ergattert, die ihnen nun vollständig ausgeliefert ist.

 

Grenzübergang

Mit vier Mopeds, eines für das Gepäck und drei für uns, geht es auf einer asphaltierten Straße zur Grenzstation. Wir müssen absteigen. Die Fahrer schieben die Mopeds. Sie brauchen anscheinend keine Formalitäten zu erledigen – das lässt uns nicht gerade gelassener werden. Es ist merkwürdig still. Das hohe, weiße Grenzgebäude hat etwas bedrohliches. Beklommenheit macht sich breit. Wir warten geduldig und verhalten auf unsere Ausreisestempel. Nach über einer halben Stunde ist der Stempel im Pass. Es gibt kein zurück mehr. Das Visum für Vietnam ist jetzt ungültig. Ein Visum für Kambodscha haben wir noch nicht.

Wieder auf dem Moped sitzend, durchqueren wir das Niemandsland bis wir den Grenzposten Prek Chak erreichen. Schon diese kurze Fahrt offenbart uns: wir reisen in ein anders Land! Weit am Horizont, über einer endlosen Ebene liegt eine Hügelkette und vereinzelt ragen Zuckerrohrpalmen in den blauen Himmel.

An der Grenze müssen wir wieder die Mopeds verlassen und die Fahrer schieben sie bis zur Schranke. Aus den Augenwinkeln behalten wir sie im Blick. Unsere Unsicherheit, ob dieser ganzen Aktion, hat sich mitnichten gelegt. Werden wir unsere Visa bekommen?

Ohne Worte reicht uns der Beamte aus seinem Häuschen das Formular zur Visa-Beantragung. Zusammen mit einem Foto geben wir das Formular zurück, zahlen die 25 US-Dollar pro Visum und schon klebt es in unserem Pass. Ganz einfach. Erleichtertes Durchatmen. Doch dann fragt er nach unseren Impfausweisen, die wir natürlich nicht dabei haben. Mir bleibt der Atem wieder stehen. Er schaut uns ernst an und gibt uns sehr deutlich zu verstehen, dass dies etwas kostet. Allerdings nur je einen Dollar. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. So geben wir ihm die Dollar und er überreicht uns fast feierlich ein gelbes Papier, welches wir unbedingt im Pass zu belassen haben und bedeutet uns weiter zu gehen. Mir fällt der erste Stein vom Herzen,  doch eine große Last bleibt auf meinen Schultern. Die lange, absolut ungewisse Fahrt nach Kep steht uns bevor. Auf einer Piste, die nach dem ersten Augenschein mehr einer Cross Strecke, denn einer Straße ähnelt. Aber was solls, es gibt kein zurück mehr. Dies ist der einzige Weg. Auf dem Rücksitz eines Mopeds, mit einem Menschen, dessen Namen ich nicht kenne, dessen Sprache ich nicht spreche und der in diesem Land ebenso wenig zuhause ist wie ich. Na dann gute Fahrt!

 

Die Fahrt durch Kambodscha

Es ist kurz nach 17.00 Uhr. Langsam setzt die Dämmerung ein. Die Schranke nach Kambodscha öffnet sich und los geht die Fahrt über die rot sandige Straßenpiste. Wir durchfahren kleine Dörfer, in denen die meisten Hütten aus Bambus ebenso wie die Holzhäuser auf Pfählen gebaut sind. Die Kinder winken freundlich und rufen uns etwas unverständliches zu. Noch steht der feuerrote Sonnenball am Himmel, doch wartet der Mond schon auf seinen Auftritt.

Weit ist das Land ringsum uns. Tag und Nacht sind vereint. Eine unbeschreibliche Stimmung erfüllt uns. Auf dem Rücksitz des Mopeds werden wir durchgeschüttelt. Wasserbüffel stehen auf den Feldern. Adler fliegen über uns hinweg. Ab und zu überquert eine Kuh, ein Hund oder ein Schwein den Weg. Einmal muss mein Fahrer scharf bremsen. Das Hinterrad stellt sich quer und wir fliegen fast über das Lenkrad. Mein Puls schlägt vor Schreck zwar um einiges schneller, aber dennoch nehme ich das alles wie aus einer anderen Welt wahr.

Plötzlich eröffnet sich eine Palmenallee vor uns und wir fahren durch eine kleine Siedlung, in der gerade eine Hochzeit gefeiert wird. Unter einem großen, mit Tüchern umhüllten Dach, stehen ebenso in bunte Tücher gehüllte Stühle und Tische. Auf einer Bühne tanzen festlich gekleidete Mädchen.

Irgendwo unterwegs angelt ein kleiner Junge mit einem Stock in einer Pfütze. Alles erscheint wie in einem Traum. Die Kalksteinberge am Horizont, immer wieder vereinzelte Zuckerrohrpalmen in der weiten Ebene, wie aus dem Nichts erscheinende Palmenalleen, unbekannte Düfte, freundliche Menschen, die kleinen Seen zur Salzgewinnung, in den Dörfern Hühner-, Enten- oder Gänsefamilien, die rote Erde der Pistenstraße.

Langsam versinkt die Sonne im Wolkendunst. Im Zwielicht das Gefühl vom Sein zwischen allen Welten. Eine sonderbare Mischung aus Mitgefühl, ob der Ärmlichkeit, aus Freude über die eigenwillige Schönheit, aus Ungewissheit über das Ankommen in Kep und aus Faszination genau dies, in diesem Augenblick, auf diesem Rücksitz eines kleinen Mopeds, erleben zu können.

Unzählbare rote Staubkörnchen auf unserer Kleidung bleiben zurück, als wir im Dunkeln endlich die  Küstenstadt Kep erreichen.

Reisejahr: Februar 2009

Aktueller Punktestand:

128
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