Per Anhalter durch die Berge

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“Wollen wir in die Ferne reisen, so müssen wir zunächst das Nahe durchqueren. Wollen wir in die Höhe hinaufsteigen, so müssen wir ganz unten damit anfangen.”

Das sagte – so oder so ähnlich – Konfuzius und das beschreibt – so oder so ähnlich – mein bisher größtes Abenteuer. Der Mensch greift ja gerne nach großen Worten um Erlebtes zu beschreiben. Doch dieses Mal reichen Worte fast nicht aus. Im Oktober letzten Jahres bin ich zum ersten Mal mit meinem Vater nach Nepal geflogen, dem Ende der Welt.

Nepal ist ein Land, welches von Tourismus beherrscht und von Armut durchzogen ist. Anders als in der westlichen Welt sind die Menschen dort aber mit den kleinsten Dingen zufrieden und glücklich, denn es geht ihnen hauptsächlich darum genügend Geld zu verdienen, um die Familie zu ernähren. Da es in dem Land keinerlei Rohstoffe gibt, kann Nepal ausschließlich Kunstgüter exportieren. In einer Touristensaison (hauptsächlich im Winter) muss der Umsatz für ein ganzes Jahr erwirtschaftet werden. Mit diesen Hintergedanken startete ich Mitte Oktober am Frankfurter Flughafen meine Reise.

Es war unglaublich!

Zwei Wochen bin ich zusammen mit meinem Vater im Langtang-National-Park gewandert und trotz der Anstrengung war es das bisher Beste, was mir passiert ist. Wir mussten ganz unten anfangen in einem Ort namens Shyaprubesi. Alles war grün, überall waren Berge zu sehen. Die Menschen in dem Dorf hüteten Hühner, trockneten Reis oder stopften und nähten Steppdecken auf der Straße. Durch das Tal gingen wir immer am Fluss entlang nach Langtang und Kyangjin Gumba auf 4000m Höhe. Unser Ziel lag bergauf, aber unsere Wegstrecke ging auf und ab. Das Anstrengende war also nicht die Höhe sondern der Weg, der so unkontrollierbar und einzigartig war. Vorbei kamen wir an Affen, Yaks und Naks, Esel kreuzten unseren Weg und wie erstaunlich es war die Träger zu sehen, die an uns vorbeisprinteten und das mit 5-mal so viel Gepäck. Wir sahen riesige Honigwaben an gefährlich steilen Steinklippen hängen, die gerne von Einheimischen geplündert wurden. Wir sahen “deutsche” Bäckereien in der Hochebene und aßen dort auch gerne. Und wir sahen immer eines vor Augen: unser Ziel, den weißen Schneeberg. Um aus dem Langtang-Tal wieder zurück nach Kathmandu zu laufen, mussten wir einen Schneepass auf 4600m überqueren. Dabei erlebten wir Atemberaubendes. Der Pass hinter dem Dorf Gosainkund war von vielen Seen umgeben, die der Gott Shiva der Überlieferung zu Folge aus dem Himalayagestein formte, um seinen Durst zu löschen. Das Wasser war klar und blau. Man konnte sein Spiegelbild darin erkennen und man fühlte gleichzeitig etwas Magisches. Durch den Schnee ging es einen halben Tag, bis wir den Pass überquerten und in Ghobte ankamen. Der Weg war nicht anstrengend, denn er war schön. Schön für diejenigen, die ihn noch nicht gesehen hatten, schön für diejenigen, die hier schon so oft her gepilgert sind. Wir gingen früh zu Bett, der Schlafsack wurde auf dem Holzgestell ausgerollt und man war schon damit zufrieden, nicht mehr so arg zu frieren. Das Klima wurde wärmer und an einigen Reis-Terrassen vorbeigekommen, mussten wir nur noch den Dschungel durchqueren. Man sagt es leben Tiger in diesem Wald, und man sagt auch häufig überfallen dort Räuber die Touristen. Dies blieb uns glücklicherweise erspart und nach vierzehn extremen Tagen des Frühaufstehens, des 8-Stunden-am-Tag-Laufens, des Früh-Schlafengehens und des so-vielen-Fotos-machens-dass-die-Kamera-den-Geist-aufgibt, kamen wir endlich in Kathmandu an. Die Füße qualmten, die Schuhe mufften und trotz der Blasen war ich für einen kurzen Moment der glücklichste Mensch der Welt. All die Anstrengungen der letzten zwei Wochen fielen von mir ab. Ich hatte es geschafft. Ich hatte nicht aufgegeben und war einfach voller Entschlossenheit weitergelaufen. Gelaufen um anzukommen.

Im Rückblick kann man seine Erlebnisse viel besser für sich zusammenfassen. Während man läuft, ist man so von den Anstrengungen und Entsagungen gefrustet, dass man die Reise fast nicht so sehr genießen kann. Hat man aber seinen inneren Schweinehund besiegt und ist diese vierzehn Tage ununterbrochen gelaufen, dann fühlt man sich einfach nur noch frei. Man braucht unsere westlichen Güter eigentlich gar nicht, denn man hat etwas viel besseres: Sich selbst. Welches Land würde eine bessere Kulisse zur Selbstfindung bieten als Nepal?

Blog URL: http://zueriauswanderer.square7.ch/wordpress/?cat=3

Reisejahr: Winter 2014

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