Wildes Island – Island meine Liebe

Dynjandifoss in den Westfjorden

Ein Tsunami im Hochland von Island? Habe ich richtig gehört, oder hat mir der Eiswind meine Ohren zugefroren? Aber die Rangerin sieht recht seriös aus, wie sie so da steht, den Sturm im Haar und uns davon berichtet.

Es ist Mitte August und wir stehen am Öskjuvatn, dem großen Calderasee der Askja, einem aktiven Zentralvulkan auf Island. Der Krater in dem wir stehen hat die Ausmaße einer ausgedehnten Hochebene, von Lava und Schnee bedeckt. Der Gebirgskranz rundum – der ursprüngliche Kraterrand – erinnert ein bisschen an die Alpen.

Im Wasser schwappen die schwimmenden Bimssteine gemächlich ans Ufer. Gerade 14 Tage zuvor brach eine komplette Wand ab und so donnerte ein 50 Meter hoher Tsunami durch den Öskjuvatn bis in den hellgrünen Víti-Krater. Wie durch eine Badewanne – und wieder zurück. Kein Mensch kam zu Schaden und so warnen nun Schilder, dass man bei Steinfall sofort einen höheren Platz aufsuchen solle. Aber wie schafft man so viele Höhenmeter auf schmierigem Lehm in nur 2 panischen Minuten?

 

Das ist nur eine der Fragen hier auf Island…. Tags zuvor erhielten wir auf dem Weg zur Askja die Notruf-SMS, dass das komplette Gebiet wegen des zu erwartenden Vulkanausbruches des Bárðarbunga sofort gesperrt würde. Da standen wir – 3 Stunden härteste Fahrt von jeglicher Zivilisation entfernt – mitten in der Lavawüste, ein komisches Gefühl im Bauch. Die Nacht auf dem Campingplatz der Askja war dann zwar sicher, aber eisekalt.

Mit einem geländegängigen Fahrzeug durch Island, das ist noch Abenteuer pur. Einsame Westfjorde mit Papageientauchern an der 400m hohen Steilküste Látrabjarg. Oft ist der nächste Supermarkt 100 Kilometer entfernt. Gestrandete Schiffswraks, tiefe Furten, die schönsten Wasserfälle. Schöner und beeindruckender, als sich das ein menschliches Gehirn ausdenken könnte. Allen voran der 100 Meter hohe Dynjandi, dem noch fünf weitere Wasserfälle auf dem Weg nach unten zum Meer in den Arnarfjörður folgen (in dem noch das eine oder andere Seeungeheuer leben soll).

Wie klein und doch erhaben fühlt man sich an seinem Fuße. Dieses Gefühl trifft mich in Island immer wieder.

 

Bunte Berge, versteinerte Trolle, Basaltsäulen überzogene Felswände, Zwergenreiche, Riesenkrater, immer wieder stinkende und blubbernde Quellen und Schlammtöpfe, wilde Islandpferde – schön und frei. Unendliche Lavafelder, Moos so weit das Auge reicht und das Lila-Blau der Lupinen, die im Frühsommer die Hänge überziehen. Eisberge in Gletscherseen, Mitternachtsonne, Orkane, Gischt auf Fotolinsen am dröhnenden Dettifoss, warme Unterwäsche. Einen halben gegrillten Lachs zum späten Abendessen und Skyr mit frischen Blaubeeren zum Frühstück. Und natürlich immer wieder diese wunderbaren Hotpots: Versteckt zwischen Felsen, vor sich hin dampfend in blühenden Wiesen oder als plätschernder Bach. Hier liegt man im heißen Wasser und lässt die Zeit an sich vorüber streichen.

Natürlich ist Island schon touristisch, aber es ist wie überall auf der Welt: verlass’ die Hauptstraße, und Du bist in der Einsamkeit. Das funktioniert in Venedig wie in Landmannalaugar.

 

Island macht dankbar.

Island macht süchtig.

Island macht, dass Du Dich ab und zu ein bisschen wie Gott fühlst.

Und dann wieder ganz klein, den Naturgewalten ausgeliefert.

Island, meine Liebe.

Reisejahr: Juni und August 2014

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