Sizilien, (m)ein Abenteuer

Sizilien-Ätna-1998

Waren Sie schon einmal auf Sizilien? Ich schon! Zuvor hatte ich mich zwar stark dagegen gewehrt, aber Schicksal und Arbeitgeber wollten es nun mal so. Ich als Ausflugsbegleiter für die französisch- , englisch- und deutschsprachigen Gäste einer Ferienanlage, in einem Land, dessen Sprache ich nicht beherrschte?! Wie sollte das denn auch gehen!?

Schon die Fahrt vom Flughafen zu meinem neuen “Zuhause“ im Süden Siziliens war ein informationstechnisches Fiasko. Zwei Stunden alleine mit einem waschechten Sizilianer im Auto, der nur genau jene Sprachen sprach, die ich eben nicht beherrschte: Sizilianisch und Italienisch.

Eine meiner Aufgaben als Ausflugsbegleiterin gestaltete sich folgendermaßen: In Museen waren lokale Führer vorgesehen, die ihre Erklärungen in französischer Sprache hielten. Ich hatte mich lediglich um Übersetzung ins Englische und Deutsche zu kümmern. Denkste! Mein allererster Ausflug ging nach Caltagirone, der Keramikhauptstadt Siziliens. Man sagt, dass hier jeder zwanzigste Einwohner den Beruf eines Keramikers ausübt. Nach der Besichtigung hätte wohl jeder vierte Besucher am liebsten sein Eigenheim neu dekoriert. Da muss man also vorbeischauen! Tja, nur die Besichtigung ‚unserer‘ Keramikwerkstatt wurde für mich zur wahren Herausforderung: Unser französischsprachiger Führer, hieß es, sei an diesem Tag leider krank und ein Kollege sollte einspringen. Ich bräuchte also nur noch aus dem Italienischen in die anderen Sprachen zu übersetzen. Na toll! Bis zu diesem Moment hatten meine Gäste noch nicht einmal bemerkt, dass ich der Landessprache nicht mächtig war und das sollte auch so bleiben. Vorher gut belesen und schon wissend, was erläutert werden würde, verstand ich sogar die jeweils 1 bis 2 erklärenden Sätze pro Besichtigungspunkt. Ich übersetzte diese so reichhaltig und bunt, dass es meinen Gästen am Ende nicht einmal mehr in den Sinn kam, eine Frage zu stellen. Es ging also doch!

Häufig führte meine Arbeit mich in das Tal der Tempel (Agrigent), welches man bei Tag am besten mit einem Führer und bei Nacht wegen seiner märchenhaften Beleuchtung aus der Ferne bewundert.

In Syrakus, wo einst Archimedes im Adamskostüm durch die Straße gelaufen sein soll (nun ja, er hatte kurz vorher die Lösung zu einer kniffligen Frage gefunden), war ich natürlich auch. Einst war sie die größte und mächtigste Stadt Siziliens – für manche sogar schöner als die griechischen Städte dieser Zeit. Für mich war sie vor allem der Ort, an dem ich einen der für mich interessantesten Sizilianer kennenlernte: ein pensionierter Professor für Altertumskunde, der mir nach unseren Besichtigungen immer Tonnen köstlichster Eisspezialitäten aufgedrängte. Selbstverständlich stieß er dabei auf keine Gegenwehr!

Ist man im Süden Siziliens, ist Malta nicht weit und ein Besuch bietet sich an. Aber Vorsicht: Bitte immer etwas Wasser dabeihaben. Durst ist, was man nach der Ankunft auf Malta als erstes verspürt. Alles scheint nur aus Stein und Staub zu bestehen. Die Geschichte dieser Insel ist von den Kreuzrittern geprägt. Die Armen! Mit ihren schweren Rüstungen, bei dieser Hitze.

Am liebsten bin ich zum Ätna gefahren. Zum einen gestaltet sich das Bild der Insel während der Fahrt zunehmend grüner; zum anderen war jeder dieser Ausflüge wie ein Urlaub für mich. Zunächst ging es immer nach Taormina, einer Künstlerstadt mit netten kleinen Cafés und Boutiquen. Dort entstanden Ende der 80er viele Szenen zum französischen Kultfilm Le Grand Bleu, der deutsche Titel: Im Rausch der Tiefe. Dieser Film, der vom Apnoetauchen handelt, ließ die Kassen der Tauchzentren klingeln. Ich zeigte meinen Gästen auch immer jene Terrasse, auf der die berühmte Spaghetti-Szene gefilmt wurde: In dieser Szene rettet die schmächtige Johana, gespielt von Rosanna Arquette, das Leben des korpulenten Enzo, gespielt von Jean Reno, indem sie seiner Mutter einen riesigen Berg Spaghetti entreißt und diesen als ihre eigene Essensbestellung verschlingt. Ich kann mir vorstellen, dass Rosanna Arquette seit dieser Szene Pasta & Co verabscheut. Übrigens ist Jean Reno seit diesem Film einer meiner Lieblingsschauspieler. Und noch eine Sache muss ich dazu unbedingt loswerden: Während meiner Zeit auf Sizilien lernte ich einen der damaligen Stuntmen kennen. Umberto Pelizzari, einstiger Weltmeister im Apnoetauchen, war eines Abends Ehrengast in unserer Ferienanlage und ich agierte bei seinen Präsentationen als Dolmetscherin. Wer sagt‘s denn!

Von Taormina aus ­­– am besten natürlich wenn man im antiken Theater sitzt – präsentierte sich auch der Ätna. Das wohl interessanteste Naturwunder der Insel war gleichzeitig auch immer eine unserer Stationen. Ich bevorzugte natürlich die Ausflüge, bei denen wir auch auf dem Ätna übernachteten, um am nächsten Morgen – in dicke Wattejacken gepackt – den Sonnenaufgang vom Gipfel aus bewundern zu können. Mein Verhältnis zu den Bergführern, die ich ja mehrmals in der Woche sah, war ein sehr freundschaftliches. Einer der Gründe hierfür war bestimmt auch jener: Bei all meinen Ausflügen nach Malta habe ich – zahlenmäßig unterstützt durch meine mir wohlgesonnen Gäste – den zollfreien Zigarettenvorrat unseres Schiffes fast leergekauft. Und dabei bin ich eine überzeugte Nichtraucherin! Mit dieser Geste konnte ich jedoch den Bergführern (und auch meinen Kollegen im Feriendorf) eine Freude machen. Anders gesehen war dies mein Beitrag dazu, dass der Ätna immer schön weiterqualmte. Die nette Geste wurde zudem durch eine andere erwidert: An einem Abend schlug man mir eine nächtliche Hasenjagd vor. Die armen Hasen – war da nur mein wohl erkennbarer Gedanke. Natürlich aber nahm ich die besondere Einladung zu einer nächtlichen Tour zum Gipfel an. Habt ihr auch eine solche Gelegenheit: Schön warm anziehen bitte! In meinem Leben habe ich wohl nie so gefroren wie in dieser Nacht. Zwei unglaublich dicke Wattejacken, drei Paar Handschuhe und zwei Hosen übereinander: Man stelle sich das Michelin-Männchen vor! Es half alles nichts. Solche Temperaturen auf der heißesten Insel Europas durchleben zu müssen, hätte ich nie erwartet. Der nahe arktischer Kältetod wurde jedoch durch ein atemberaubendes Naturschauspiel belohnt: Ein unendliches Meer aus Feuerwerken um mich herum und die Sterne so nah, dass man sie greifen konnte. Klingt etwas kitschig, war aber genau so. Solche Momente vergisst man nie wieder und ein Vulkan-Sahnehäubchen kommt noch dazu: Während eines Ausflugs mit Übernachtung hatten wir einen Ausbruch. Der Berg wurde gesperrt. Ich durfte mit meinen Gästen jedoch die Nacht (sicher!) auf der Berghütte verbringen. Abenteuer pur!

Einmal die Woche fuhren wir zum Wochenmarkt ins nahegelegene Vittoria. Unsere Ankunft – teilweise mit zwei doppelstöckigen Bussen – glich vielmehr einer Invasion als einem Besuch. Der Schwerpunkt des Ausfluges bestand für die Gäste auch in keiner kulturell wertvollen Tätigkeit, sondern vielmehr in der Jagd auf Zahnpasta, Sonnencreme und Geschenke. Dennoch erwartete uns ein Herr höheren Alters, ein historisch und kulturell interessiertes Mitglied des Bürgervereins, im Zentrum und bot uns eine etwa 15-minütige Stadtführung, deren Ende aber von vielen ungeduldig erwartet wurde. Man war schließlich wegen Zahnpasta, Sonnencreme & Co gekommen.

Eines Tages erreichte unser Ausflugsbüro eine Einladung zu einer Festveranstaltung. Wenige Tage später konnten wir als Ehrengäste die zahlreichen Reden verschiedener Personen der Stadt verfolgen. Zumindest galt das für meine Kollegen, die der italienischen oder sizilianischen Sprache mächtig waren. Irgendwie saß ich im falschen Film und generell hätte die Veranstaltung auch als sozialistischer Parteikongress durchgehen können. Vielleicht lag dies daran, dass fast alle Herren uniform zum weißen Hemd eine graue oder braune Hose trugen und einen Hut aufhatten. Irgendwann fielen die Blicke der Kongressteilnehmer ununterbrochen auf uns. Die Situation fand ihre Krönung in der feierlichen Aufforderung, die Tribüne zu betreten. Applaus! Jedem von uns wurde eine große, reichlich gefüllte Tüte überreicht, die voller Geschenke war. Sammelgaben der Händler der Stadt, die sich bei uns dafür bedanken wollten, dass wir zahlreiche Gäste aus verschiedenen Ländern (und Kontinenten) in die Stadt brachten und auf diese Weise Vittoria zu einem touristischen Ziel machten. Jetzt fehlte nur noch, dass man mich um eine Dankesrede bat! Dieses Erlebnis musste ich in den folgenden Tagen erst einmal verdauen! Ich war von der Freundlichkeit der Sizilianer einfach überwältigt!

Wie man sieht, kann man Sizilien mit einem Koffer voller schöner Erinnerungen verlassen, von denen ich hier nur ein paar wenige preisgegeben habe.

Wer hat eigentlich behauptet, dass ich nie nach Sizilien wollte?!

Reisejahr: Sommer 1998

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